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Die Vorwürfe, die Betroffene bei einem Treffen am
Pfingstwochenende gegen Kinderheime in ganz Deutschland erhoben,
wiegen schwer. Für das, was sie nach ihrer Schilderung
zwischen 1950 und 1970 in den kirchlichen und staatlichen
Einrichtungen erlitten haben, verlangen sie Entschädigung und
Wiedergutmachtung, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete. Die
kürzlich gegründete Interessengemeinschaft
misshandelter und missbrauchter Heimkinder, die das Treffen in
Kassel organisierte, versteht sich zugleich auch als
Selbsthilfegruppe.
Als billige Arbeitskräfte
missbraucht
„Es herrschte militärischer
Drill", erinnert sich Heinz Peter Junge an seine Zeit im
Kinderheim Kalmenhof in Idstein. Geschlagen worden sei dort mit
Ochsenziemern, Keilriemen und Gabeln. „Ich hätte fast
eine Niere verloren, weil ich mit einer Dachlatte geprügelt
wurde, in der ein Nagel steckte.“ Als preiswerte
Arbeitskräfte seien die Heimkinder in der Landwirtschaft
eingesetzt worden. „Wir waren Maschinen, abgestumpft,
programmiert.“ Nach der Heimentlassung folgten Probleme mit
Alkohol und Drogen, zwei Selbstmordversuche und drei gescheiterte
Ehen. „Ich wusste nicht, was Liebe, was Zuneigung ist.“
Erst später habe er die Kurve gekriegt.
14 Stunden
im Weinberg
„Wir wurden wie Sklaven gehalten",
beschreibt Reiner Baatz seinen Aufenthalt in einem Kinderheim an
der Mosel. Bis zu 14 Stunden täglich habe er für ein
kleines Taschengeld im Weinberg arbeiten müssen. Von seinen
Geschwistern sei er getrennt worden. „Meine Schwester hat
sich aufgehängt, die war in einem katholischen Heim in
Boppard.“ Dass heute diese Schilderungen keiner glaube, sei
für ihn schlimmer als das eigentliche Geschehen. Dirk
Friedrich war im St. Hedwig-Kinderheim in Lippstadt in
Ostwestfalen. Bestrafungen und ein ständiges Gefühl von
Schuld und Angst hätten dort geherrscht, sagt er. „Ich
habe angefangen, mich selbst zu verletzen, um Zuneigung zu
kriegen.“
„Heute nicht mehr
vorstellbar“
„Es ist richtig, was die
Interessengemeinschaft sagt", erklärt Jörg Daniel,
Sprecher des Landeswohlfahrtsverbandes (LWV) in Kassel, der in
Hessen Träger etlicher Kinderheime ist. „Es wurde
damals erzieherisch gearbeitet, wie es heute nicht mehr
vorstellbar ist.“ Vereinzelt sei dabei auch Gewalt
angewendet worden. „Es herrschte noch eine autoritäre
Nachkriegsstimmung.“ Über die Bedingungen speziell
in Idstein habe der LWV später eine große Untersuchung
anstellen lassen. „Wir sind interessiert daran, dass man
weiter darüber redet, wie die Bedingungen
waren.“
Studentenbewegung prangerte Missstände
an
Die strenge Heimerziehung in Deutschland wurde Ende
der sechziger Jahre zur Zielscheibe der Studentenbewegung, die mit
der Heimkampagne ein Umdenken und eine Verbesserung der Zustände
in den Heimen in Gang setzte. In Hessen demonstrierten 1969 rund
200 Menschen vor dem Jugendheim Fuldatal bei Kassel, darunter die
spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof. Aktionen linker
Gruppen, die zur außerparlamentarischen Opposition (APO)
zählten, gab es in weiteren Heimen in Hessen und anderen
Bundesländern.
Firmen waren Nutznießer
„Wir
wollen eine Wiedergutmachung und eine Anerkennung unserer Arbeit
für die Rente", sagte der Vorsitzende der Anfang des
Jahres in Paderborn gegründeten Interessengemeinschaft,
Jean-Pierre de Picco. Vom Arbeitseinsatz der Heimkinder hätten
auch Firmen profitiert. Auch diese sollten ermittelt werden. Rund
400 Ehemalige hätten sich bereits bei der Organisation
gemeldet, die Zahl der Betroffenen aber gehe in die Tausende.
„Nicht jeder meldet sich, weil viele noch immer Angst
haben", sagt er. „Du hattest zu glauben an Gott, Sünde
und Strafe.“
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