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BUCHVORSTELLUNG
Paderborn,
1. Februar 2006
Sehr geehrte Damen, sehr geehrte
Herren.
Nach drei Jahren intensiver Recherche haben wir es
nun geschafft. Viele ehemalige Heimkinder wurden dabei nach
vielen Jahren mit dem konfrontiert, was uns ein Leben lang
begleitet hat, worüber wir aber aus Angst und Scham nie
sprechen wollten.
Obwohl wir uns schon länger kannten
(seit ca Januar 2001), hat mich meine Freundin Gisela Nurthen
damals erst nach langer Zeit des Beobachtens (erst in Januar
2003) gefragt: "Sag mal Marion, kann es sein das Du einmal
in einem Heim warst?". Ja, ich war wie vor den Kopf gestoßen
aber sagte trotzdem sofort "Ja". Obwohl wir uns
glaubten zu kennen, hatte keiner von dem anderen diese Tatsache
gewußt. Beide waren wir ehemalige Heimkinder.
Gisela
Nurthen war als Teenager von den rheinland-westfälischen
Jugendbehörden vier Jahre lang bei den Nonnen im Dortmunder
Vincenzheim eingesperrt worden, wo sie in den 1960er Jahren
gezwungen wurde, schweigend, 10 Stunden lang von Montag bis
Freitag, und halbtags am Samstag, unentlohnt, in der für
diesen Orden – die Vincentinerinnen – sehr lukrativen
heimeigenen Grosswäscherei, zu schuften.
Ich musste
meine Kindheit und Jugend in verschiedenen konfessionellen Heimen
in Westfalen-Lippe verbringen, eingeschlossen in dem damals von
Diakonissen betriebenen berüchtigten Scherfede. Es waren
furchtbare Zeiten auch für mich.
Das Stigma ein
Heimkind gewesen zu sein, hat uns immer begleitet und wir haben
es vor allen Menschen versucht zu verstecken.
Wir
glaubten, andere Menschen würden uns dann nur als
minderwertig oder gar als kriminell ansehen! So wurde es damals
auch in der Gesellschaft, in den Familien, den Kindern erzählt:
"Kinder aus Heimen taugen nichts."
Dieses
Gefühl, diese Ängste vor Menschen, hat man uns in den
Heimen anerzogen.
Jeder der sich mit der deutschen
Geschichte einmal wirklich richtig auseinandergesetzt hat, wird
in diesem jetzt erschienenden Buch zu diesem Thema,
hoffentlich
endlich erfahren, was wir erlebt haben, wer wir waren und wie
sehr wir gelitten haben.
Mit diesem Buch, das wir mit dem
Autor auch demnächst in Paderborn vorstellen wollen, ist für
uns die Hoffnung verbunden, dass endlich das vielleicht größte
Unrecht an uns Kindern und Jugendlichen der Nachkriegszeit zur
Sprache kommt.
Mehr als eine halbe Millionen Kinder waren
von 1945 bis weit in die 70 Jahre in den rund 3000 Heimen
West-Deutschlands eingeliefert und eingesperrt worden und viele
ihnen sind durch diese Erziehung schwerstens traumatisert
worden.
Ich erinnere hier auch an den kürzlich
erschienenen Film über den Fall von Paul Brune:
"Lebensunwert – NS Psychiatrie und ihre Folgen!"
Dieser Film wurde von Dr. Krieg und Monika Nolte recherchiert und
gedreht.
Ich selber habe mich ein Leben lang schlecht
gefühlt und wußte nicht "Warum?" Ich kam mit
10 Monaten ins Heim und musste 18 Jahre lang dort verbleiben.
Selbstmordgedanken quälten mich über alles, als letzten
Ausweg, mich allem zu entziehen. Es war ein schweres und
anstrengendes Leben.
Ich möchte alle unbedingt auf
dieses SPIEGEL-Buch hinweisen und aufmerksam machen: "Schläge
im Namen des Herrn – Die verdrängte Geschichte der
Heimkinder in der Bundesrepublik".
Es ist hoch zu empfehlen! Dieses Buch wird ab etwa dem 11.
Februar 2006 in den Buchläden erhältlich sein.
Ich
hoffe, dass es auch für die heutige Generation von
Pädagogen, Erziehern und Heimbetreibern wertvoll sein wird,
und auch in den Schulen eine Bereicherung im Lehrplan. Weil jeder
ein wachsames Auge haben sollte und ein Wissen darüber, was
die vorherige Generation für Fehler mit Kindern und
Jugendlichen gemacht hat, die sich nie wieder wiederholen
dürfen.
Nur zu
bedauern ist, dass die eigentliche Initiatorin der
Heimkinder-Sache, Paderbornerin Gisela Nurthen, die dieses Thema
erstmalig (gemeinsam mit Gerald Hardford und mir, ihrer besten
Freundin) Anfang 2003 an die Öffentlichkeit gebracht hatte –
Gisela, die sich schon im Jahre 2002 Gedanken darüber
gemacht hatte, wie sie am besten diesen ganzen Skandal aufdecken
könnte, ein Skandal und seine Folgen, der sie wie eine
offene Wunde ihr ganzes Leben lang begleitet hatte – leider
die Veröffentlichung dieses SPIEGEL-Buches, welches wir
weitgehend ihr zur verdanken haben, nicht mehr miterleben
konnte. Gisela Nurthen ist leider am 25. Dezember 2006 an Krebs
verstorben. Es war Gisela Nurthens Brief an den SPIEGEL, Ende
2002, und der darauffolgende Artikel »KIRCHE
Unbarmherzige Schwestern«
im SPIEGEL ONLINE vom 19. Mai 2003, der das Schweigen
gebrochen hatte.
Mit freundlichen
Grüßen
Marion Jolene Zagermann
PS.
Desweiteren, siehe auch die AMAZON-Buchrezension
und Kundenrezensionen
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